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Sylvan Müller. Mama kocht: Kulinarische Erinnerungen an Mutters Küche: Erinnerungen und Rezepte aus Mutters Küche. AT Verlag, 2013

Fünf Sterne- Spannend wie ein historischer Roman, köstlich wie eine Komödie, aufregend wie ein Reisebericht, … kaum zu glauben, aber es handelt sich hier wirklich um ein Kochbuch: „Mama kocht“ von Sylvan Müller.

 

Der Schweizer Autor und Fotograf Sylvan Müller hatte eine Idee und startete einen Aufruf zu „Lieblings-Mamarezepten“ und legte damit den Grundstein für dieses Kochbuch. Aus vielen Zuschriften wählte Sylvan Müller insgesamt 61 Rezepte aus und setzte diese wunderschön mit Foodfotos und illustrierten Familienfotos in Szene. Das Ganze rundet er mit über 50 Geschichten ab. Bei den Geschichten und Erinnerungen wurde Sylvan Müller von dem Autorenteam Dominik Flammer, Pedro Lenz, Sabine Reber, David Sieveking, Niko Stoifberg und Andrè Winter unterstützt.

Das Kochbuch ist grob eingeteilt in Vorspann, Salziges, Süßes und Glossar. Letzteres ist sehr hilfreich, wenn man wie ich Schwierigkeiten mit dem Schweizer Dialekt hat. Dazwischen haben die Geschichten, Erinnerungen und Erzählungen mit den Rezepten Platz gefunden.

Die Rezepte sind übersichtlich (Zutaten linke Spalte, Zubereitung rechte Spalte), klar beschrieben und die Schritte sind gut nachzuvollziehen. Etwas gewöhnungsbedürftig ist nur, dass die Rezepttitel oben links auf der linken Seite stehen und nicht über den Rezepten.

Sylvan Müller beginnt mit den Sätzen: „Wie ich reise, esse ich. Mit den Speisen, die man mir vorsetzt, versuche ich mir alle Erlebnisse und Begegnungen einzuverleiben…“ Diesem Gedanken treu hat er das Kochbuch: „Mama kocht“ aufgebaut und liebevoll mit vielen Erinnerungsfotos gestaltet.

Die Gerüche, die Atmosphäre und der Geschmack brennen sich manchmal dauerhaft in unser Gedächtnis ein, so dass wir uns nach Jahrzehnten noch genau an dieses eine spezielle Erlebnis erinnern können. Auch nach Jahren können wir das Erlebte immer noch so lebhaft und mit leuchtenden Augen zum Besten geben.

So erzählen die Kinder in diesem Buch von ihren Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse, Gerüche und Speisen ihrer Kindheit. Sie haben ihre Lieblingsrezepte oder ihre Erinnerungsrezepte aufgeschrieben und erzählen von ihren Müttern, Vätern und von Menschen, denen sie diese unvergesslichen Erlebnisse verdanken.

Die erste Geschichte erzählt die köstliche Erinnerung an einen Vater von zwei Töchtern, der für seine Töchter (in Abwesenheit seiner Frau) einen Haferbrei mit Tomaten kochte. Ein Foto zu dieser „unansehnlichen Pampe“ gibt es nicht.

Es sind auch Geschichten zu Großmüttern vorhanden, die in Kriegs- und Krisenzeiten einfach nur damit beschäftigt waren, überhaupt etwas auf den Tisch zu bringen. Es fehlte an Zeit und Mittel für die hohe Kochkunst. Dominik Flammer schreibt mit klaren Worten einen Text dazu.

Es hat mich auch sehr berührt die Geschichte von den „Coupon-Tätschli“ zu lesen. „Coupon-Tätschli“ sind in der Pfanne ausgebackene Frikadellen. Die Erzählerin schreibt deren Entstehung dem Glück zu, dass sie eine Fleischmarke fand, aufhob und ihrer Mutter gab, die glücklich etwas Hackfleisch dafür bekam. Sie nannten und nennen diese Frikadellen seitdem „Coupon-Tätschli“.

Je mehr ich in diesem Buch las, um so mehr wurde mir die historische Bedeutung dieses Kochbuchs mit den Erzählungen bewusst. Es ist keine einfache Rezepte-Sammlung von Müttern, es will auch kein Kochbuch zu der Reihe „aus Großmutters Küche“ sein. Es ist vielmehr eine historische Reise durch die Welt auf unseren Tellern vereint in einem kleinen Land wie die Schweiz.

So erzählen die Betroffenen einfach in klaren trockenen Worten aus der Erinnerungskiste. Sie erzählen ihre Geschichten von Krisenzeiten, von Flucht aus den Kriegen im letzten Jahrhundert, von Migration, von Entbehrungen, von außergewöhnlich komischen Kombinationen und kleinen Glücksgefühlen. Sie erzählen aber auch von Liebesbezeugungen der Eltern. Wie ihre Mütter mit einfachen Zutaten sie glücklich gemacht haben. Wie Väter sich in die Küche gestellt haben und sich immer noch in die Küche stellen, um ihren Kindern die Lieblingsspeisen zuzubereiten.

Die Geschichten sind berührend, amüsant, voller Sehnsucht und Liebe. So findet ein passionierter Koch seine Lehrmeisterin und Ersatzmutter in Hongkong, ein kleiner Junge möchte Spaghetti mit Schnecken als Krankenkost, eine Tochter liebt die Kalbszunge in Weisswein-Kapern-Sauce, was bei den Schulkameraden nur Unverständnis hervorruft, ein Sportler wird zum Mannschaftskoch in USA und serviert seinen Sportlerkameraden „Capuns“ (gefüllte Mangoldblätter), Fatoş serviert ihrer Familie liebevoll zubereitete Meze, Parvathi verwöhnt mit süßen Mung-Dal-Kugeln, Hiromi kombiniert Meerestiere mit Fleisch zu einem Omelett, Hanife bäckt Kandil Simit, Trudy überrascht mit Polpetto ohne Fleisch, Liria kocht ihre Ravioli am liebsten, wenn sie mindestens 10 Personen zusammen trommeln kann, Ethel kocht scharfes ungarisches Sauerkraut, den sie schwitzend und glücklich löffelten, Vida bereitet einen Truthahn zum Thanksgiving vor und bäckt die restliche Füllung als Auflauf, …

Es sind Lieblingsrezepte für die Seele. „Comfort Food“ würden die Engländer sagen. Ich habe das Buch sehr gerne durchgelesen und einiges nachgekocht und gebacken.

  • Mama-kocht4Mama-kocht5Als ich die Ravioli mit Kartoffelfüllung las, musste ich diese natürlich gleich ausprobieren. Nudeln mit Kartoffeln kombiniert kenne ich auch aus meiner Kindheit, aber für den deutschen Gaumen ist diese Kombi etwas ungewöhnlich. Deshalb kam das Rezept gleich auf meine To-Do-Liste. Das bisschen Öl im Nudelteig macht den Teig geschmeidiger. Die Ravioli waren schnell geformt und kamen sehr gut an und waren im Nu weggeputzt.
  • Mama-kocht2Als nächstes habe ich für den bayrischen süßen Freitag die Topfenpalatschinken gemacht. Der Palatschinkenteig war luftig und ließ sich sehr gut dünn ausbacken. Deshalb den Teig unbedingt Ruhen lassen. Normalerweise werden die Palatschinken mit der Füllung aufgerollt und in die Form gegeben. Hier musste ich diese Rollen halbieren, damit blieb die Füllung beim Backen schön locker. Am nächsten Tag haben wir die Reste kalt zum Frühstück genossen. Einfach lecker egal ob heiß oder kalt.
  • Mama-kocht3Zum Nachmittagstee am Wochenende gab es Mohnkuchen. Als ich das Rezept aufschrieb, suchte ich vergeblich nach Mehl. Etwas skeptisch rührte ich alles zusammen und siehe da der Kuchen ging auf wie ein Soufflè. Es war schön anzusehen. Aber kaum hatte ich es raus genommen, sackte der Kuchen etwas ein. Macht nichts, etwas mit Puderzucker bestäuben und auf den Tisch damit. Es war eine Freude zuzusehen, wie Stück für Stück der Kuchen verschwand. Ein sehr leckerer und glutenfreier Kuchen. Werde ich bestimmt häufiger nachbacken.
  • Mama-kocht6Unter der Woche hat Frau auch heute noch wenig Zeit zum Kochen, so habe ich die Füllung für den Thankgiving-Truthahn als Auflauf gebacken. So einfach und so köstlich, genau das Richtige nach einem kalten Tag.

 

  • Mama-kocht9Natürlich musste ich die „Capuns“ — gefüllte Mangoldblätter — unbedingt nachkochen. Die Füllung ist wirklich einfach hergestellt und die großen Mangoldblätter kann jeder schnell zusammenrollen. Das Vorgaren in der Rahmflüssigkeit war für mich neu. Anschließend kommen die Capuns in eine Auflaufform mit der übrigen eingekochten Kochflüssigkeit und werden mit Käse überbacken. Einfach genial.
  • Mama-kocht7Zum Schluss habe ich mir die Grießnockerlsuppe aufgehoben. Ich habe dazu die Brühe für die Fritatensuppe (Seite 99) gekocht. Die Grießnockerl habe ich während meiner Studienzeit einmal ausprobiert und danach nie wieder gemacht. Also wurde es Zeit, einen neuen Versuch zu starten. Das Rezept funktioniert gut mit Weichweizengrieß, da behalten die Nockerl auch ihre schöne lockere Form. Jeder am Tisch wollte einen Nachschlag, einfach und lecker.

Das Kochbuch „Mama kocht“ bekommt von mir fünf Sterne. Es ist ein schönes Lese-Koch-Buch. Eine Freude für Gaumen und Seele. Man kann sowohl etwas Leckeres servieren und gleich dazu die Geschichte erzählen.

Mein Fazit: „Mama kocht“ von Sylvan Müller bekommt von mir die volle Punktzahl: Fünf Sterne. Spannend wie ein historischer Roman, köstlich wie eine Komödie, aufregend wie ein Reisebericht, … kaum zu glauben, aber es handelt sich hier wirklich um ein Kochbuch: „Mama kocht“ von Sylvan Müller mit Texten von Dominik Flammer, Pedro Lenz, Sabine Reber, David Sieveking, Niko Stoifberg und Andrè Winter, erschienen im AT Verlag 2013.

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