Wenn ich mit Freunden koche und erzähle, wundern sie sich am meisten über die klingenden Namen unserer Speisen wie zum Beispiel „weinender Kuchen“. Das ist vielleicht das Besondere bei uns, unsere Speisen haben sowohl klingende Namen als auch herzerwärmende Geschichten :)
Deshalb ist „Kochen“ ein Event, das mit Freunden und Familie zelebriert werden muss :) Man trifft sich, man kocht, erzählt und hat gemeinsam Spaß. Heute eine Suppengeschichte aus meiner fernen Heimat.

In Anatolien gibt es viele abgelegene Dörfer an den Hängen der hohen Taurus-Gebirgskette. Diese Dörfer sind sehr bescheiden, keine leuchtenden Fußgängermeilen oder Kinos. Sie liegen meist abgelegen. Im Winter ist die einzige zum Dorf führende Straße meistens nicht gekehrt und das Dorf bleibt sich selbst überlassen. Aus der Ferne sehen die Dörfer so aus, als hätten sich die Häuser aneinander geschmiegt und einen Kreis um ein Lagerfeuer gebildet. Das Licht aus den Häusern funkelt in der klaren kühlen Nacht, wie ein Glühwürmchen-Schwarm.

In einem solchen abgelegenen anatolischen Dorf lebte eine Frau. Vom späten Herbst bis in den Frühling kochte sie Tag ein und Tag aus Bulgur, getrocknetes Gemüse, Bohnen oder Linsen. Sie war traurig über die begrenzte Abwechslung und sie hoffte, dass der Frühling bald mit frischen Wildzutaten Farbe in ihre Küche bringe. Eines Tages fand sie noch ein paar Kartoffeln, die irgendwie weiter nach hinten gerollt sein müssen, weshalb sie bisher unentdeckt geblieben waren. Glücklich über ihren Fund kochte eine einfache Suppe mit Bulgur und Kartoffeln und garnierte diese mit einem Esslöffel Joghurt. Mit klopfendem Herzen servierte sie die „neue“ Suppe. Ihr Ehemann schaute sie zuerst verdutzt an,nach dem Motto „na nu“, er nahm dann aber doch seinen Löffel und begann zu essen. Er schaute nicht auf, bis er gemächlich die Suppe aufgegessen hatte. Dann erst sah er auf, strahlte seine Frau an und lobte sie mit den Worten „Aferim Avrat “ – „Gut gemacht, Liebste“ „Ellerin dert görmesin — Mögen deine Hände kein Leid sehen, sprich gesund bleiben, damit du uns immer mit solchen Leckereien verwöhnen kannst“ (oder so ähnlich).

Am nächsten Tag wurde die kleine Tochter des Ehepaares von den Großeltern gefragt, was es denn bei ihnen zum Abendessen gab. (Eine dieser vielen alten Floskeln als Versuch für ein Gesprächsbeginn.) Die Enkelin schaute auf und wollte schon „wie immer“ sagen, aber plötzlich hielt sie inne und strahlte über das ganze Gesicht und sagte ganz stolz “Aferim hanım çorbası“. Stolz auf die neue Abwechslung, die ihre Mutter kreiert hatte :) Die kleinen Freuden des Lebens :) Guten Appetit! Afiyet olsun!

Zutaten
  • 100 g Bulgur
  • 2 große Kartoffeln, geschält und gewürfelt
  • 1 kleine Zwiebel, fein gewürfelt
  • 1 EL Butter
  • 2 EL Tomatenmark (Domates Salçası)
  • je 1/2 TL edelsüßes Paprikapulver und getrocknete Minze
  • Salz, frisch gemahlener Pfeffer
  • 200 g Naturjoghurt zum Servieren
Zubereitung
  1. In einem Suppentopf Butter schmelzen und Zwiebeln darin glasig dünsten. Kartoffeln hinzugeben und bei mittlerer Hitze etwa 5 Minuten anbraten. Tomatenmark und Bulgur hineingeben, gut verrühren und für 2–3 Minuten weiter braten.Paprikapulver und Minze unterheben und mit 1 l warmem Wasser aufgießen und zum Kochen bringen. Suppe salzen und pfeffern und bei geringer Hitze etwa 20 Minuten köcheln, bis die Kartoffeln weich sind.
  2. Suppe auf Teller verteilen und mit je 1 EL Joghurt garniert servieren.